Diözesane Arbeitsstelle für Jugendselsorge St.Gallen

«Grundlagen»

 

 

Welche Ziele verfolgt die Firmpraxis?1

1. Die Firmpraxis als Teil der Initiationssakramente der katholischen Kirche hat sich in der Kirchengeschichte immer wieder verändert. In den letzten Jahrzehnten fand im Laufe der Individualisierung von Gesellschaft und Religion eine stärkere Gewichtung des Entscheidungsaspektes im Firmsakrament statt. Das Firmsakrament wird nicht mehr nur als eine Bestärkung durch Gottes Geist verstanden, sondern immer mehr auch als Berufung und Befähigung zur Subjektwerdung des Menschen vor Gott. Es ist Aufgabe der Kirche, Menschen ein Leben lang auf diesem Weg der religiösen Identitätsfindung zu begleiten. Besonders wichtig jedoch ist diese Begleitung am Übergang vom Kinder- zum Erwachsenenglauben.

2. Im Alter ungefähr zwischen 12 und 16 Jahren geschieht eine grosse Veränderung im Glauben. Jugendliche nehmen zu Beginn der Adoleszenz Abschied vom Kinderglauben, um frei zu werden für eine neue, erwachsene Glaubensform. Religiöse Untersuchungen der Jugendzeit (Oser/Gmünder, Fowler, Schweitzer, Shell-Studien) ergeben für diese Jahre das Bild eines „religiösen Moratoriums“: Gott wird als weltfern verstanden (Deismus) und kirchliche Lehrmeinungen werden autoritätskritisch abgelehnt.
Erst nach dieser Phase kann eine neue Religiosität aufbrechen. Die jungen Erwachsenen verstehen es, Gott als Teil in ihren Lebensplan einzubauen, menschliche Freiheit und göttliches Wirken in der Welt wird nicht mehr als Widerspruch verstanden.

3. Firmung als öffentlicher Schritt auf dem Weg der religiösen Identitätsfindung macht vor dieser Zeit keinen Sinn: In der Primarschule bleibt sie ein Kindersakrament im Rahmen des Kinderglaubens (Gott ist ein Handelspartner, der mir hilft, wenn ich ihm gebe), in der frühen Adoleszenz tritt die Firmung in Gegensatz zur Gottes- und Kirchenkritik der Jugendlichen.

4. Die Firmung ist auch ein Übergangs-Ritual. Der Übergang vom Kinder- zum Erwachsenenalter hat sich im letzten Jahrhundert stark verändert: Kamen um 1900 die Jugendlichen mit 12 Jahren ins Berufsleben, galten sie schon bald als Erwachsene. Heute ist dieser Übergang zu einer Übergangsphase geworden. Die Adoleszenz dauert zwischen 5 bis 15 Jahren. Die Firmung als Ritual dieses Übergangs kann daher nicht mehr fest auf einen bestimmten Zeitpunkt der katholischen Biographie festgelegt werden. Das Firmalter 18 ist der Durchschnittsbiographie eines Lehrlings/einer Lehrtochter angepasst und fällt so in die Zeit der Berufsausbildung.

5. Der Firmkurs ist:
a) subjektorientiert (begleitet auf dem Weg zum eigenständigen erwachsenen Menschen).
b) mystagogisch (ermöglicht und initiiert religiöse Erfahrungen).

6. Im Firmkurs erfahren die Firmlinge:
a) Begleitung in Lebensfragen.
b) Bildung in Glaubensfragen.
 

 

Argumente für ein Firmalter 18!2
 

  • Im Firmkurs erleben junge Erwachsene eine adäquate religiöse Lebensbegleitung am Übergang vom Kinder- zum Erwachsenenglauben.

  • Ältere Jugendliche und junge Erwachsene wollen durchaus etwas Wissen zu den Themen „Gott, Jesus, Heiliger Geist, Schicksal“ usw. Der Firmkurs ist ein Gefäss, in dem darauf auch Antworten gegeben werden können.

  • In unserem Kulturkreis existiert keine andere Feier des Übertritts ins Erwachsenenalter.

  • Die Firmung ab 18 ist in den Deutschschweizer Pfarreien eines der wenigen religiösen Angebote für diese Altersgruppe, in dem eine explizite Auseinandersetzung mit religiösen Fragen stattfindet. Ohne Druck und Zwang werden hier jungen Menschen religiöse Erfahrungen ermöglicht.

  • Kirche wird im Firmkurs für die jungen Erwachsenen sympathisch erfahrbar: Kirche heisst nicht (mehr), in den Gottesdienst gehen müssen, sondern Kirche wird im gemeinsamen Erleben.

  • Das erhöhte Firmalter bringt die Möglichkeit mit sich, dass sich nicht mehr alle katholischen Jugendlichen eines Jahrganges firmen lassen. Doch wären sie auch nicht aktivere Kirchenmitglieder, wenn sie alle in der 6. Klasse gefirmt worden wären. Jene aber, die als junge Erwachsene sich selber für den Firmkurs und den Empfang des Firmsakramentes entschieden haben, machen in diesem Jahr eine intensive, prägende Kirchenerfahrung. Manche Gefirmte sind bereit, sich in den folgenden Jahren selber wieder als FirmbegleiterIn in der Kirche zu engagieren. Der Firmkurs befähigt und ermächtigt sie auch dazu.

  • Ein Firmkurs nach Ende der Pflichtschulzeit gibt den jungen Erwachsenen die Gelegenheit, alte KollegInnen wieder zu treffen.

  • Die Entscheidung des jungen Erwachsenen für den Empfang des Firmsakramentes ist mit 18 Jahren sicher weniger beeinflusst von der Haltung der Eltern, Kollegen, Gesellschaft oder von der Bedeutung von Geschenken wie in der 6. Klasse oder der 3. Oberstufe.

  • Die Firmung ab 18 belebt die gesamte Jugendpastoral, kann aber nicht andere Formen von kirchlicher Jugendarbeit ersetzen wie Jugendverbände, offener Treff, Jugendgottesdienste usw.

  • Junge Menschen von heute haben ein Vielfaches an Entscheidungen zu treffen im Vergleich zur Generation ihrer Eltern. Diese Tatsache macht auch nicht vor den Kirchentüren Halt. Der Firmkurs bietet eine Begleitung auf diesem Entscheidungsweg an.

  • Manche Eltern sind froh, wenn sie ihre Kinder in der 6. Klasse noch für die Firmung motivieren können, bzw. bedauern es, dass ihr Einfluss bei den 17-Jährigen nicht mehr so weit reicht. Doch die Verantwortung für die religiöse Erziehung muss einmal aufhören und hat ihre sakramentale Vollendung eigentlich schon ganz am Anfang gefunden, indem sie ihr Kind tauften.

Obligatorische Inhalte des Firmwegs1

1.0 Mein Leben leben. (Weekend)
1.1Warum überhaupt auf einen Firmweg.
1.2Erwartungen an Gemeinschaft.
1.3Leben zwischen Zwängen und Freiheit.
1.4„Gottesbilder, Glaubensbilder, Kirchenbilder“
1.5Von Gott gewollt.

Ziele des Firmweekends:
·       Die JE finden sich als Gemeinschaft und Gruppe auf dem gemeinsamen Firmweg.
·       Die JE reflektieren in unterschiedlichen Sozialformen ihr bisheriges Leben, ihre Gegenwart und ihre Zukunftsvorstellungen.
·      
Sie lernen ihr Leben als Geschenk kennen.

2.0   «Mein Glaube» (Gruppenabend)
2.1 «Woran glaube ich? Erfüllter Glaube, erfüllte Hoffnungen!»
2.2 Mein Glaubensweg: Die Entwicklung meines Glaubens vom Kinderglauben über
Glaube in der Pubertät bis zum Glauben heute!
2.3 Glauben im Verborgenen: «Kann ich zu meinem Glauben stehen?»
2.4 Firmung als Ja zu Gott?

Ziele des Gruppenabends:
·       Die JE kommen über ihren Glaubensweg miteinander ins Gespräch.
·       Sie erfahren ihren Glauben als wertvolles Geschenk in ihrem Leben.
·       Sie erkennen die Dimension der Firmung persönliches Ja zu Gott und ihrem Glauben.

3.0   Gute Zeichen: Taufe und Firmung
3.1 Die Bedeutung und Lebensdimension eines Sakraments.
3.2 Was ist die Taufe? Was ist Firmung?: Von der Fremd- zur eigenen Entscheidung.
3.2 Was fange ich mit meinem Glauben an?: (Soziale) Verantwortung übernehmen.
3.3 Stärke zeigen: Entschieden leben!

Ziele des Gruppenabends:
·       Die JE verstehen die Bedeutung von Taufe und Firmung.
·       Sie erkennen Verantwortungen, die sie in ihrem Leben tragen (werden).
·       Sie erkennen, dass entschiedenes Leben eine Stärke ist.

4.0 Leben, Tod und Auferstehung.
4.1 Begegnungen mit dem Tod.
4.2 Durchkreuzungen eines Lebensentwurfs.
4.3 Hoffnungen in meinem Leben oder «Wie Jesus Menschen Hoffnung gibt.»
4.4 Der Glaube als existentielle Hilfe in schwierigen Lebenssituationen.

Ziele des Gruppenabends:
·       Die JE erkennen bisherige Grenzerfahrungen in ihrem Leben.
·       Aus einer Grenzerfahrung lernen sie, was ihnen wirklich wichtig ist.
·       Sie prüfen, ob der Glaube Hilfe in schwierigen Lebensumständen sein kann.

5.0 Gott als Geist unter uns.
5.1 Ruah: Atem und Feuer Gottes.
5.2 Feuer und Kraft in mir: Wofür bin ich Feuer und Flamme?
5.3 Der Mensch: Nicht nur Leib, sondern auch Geist.
5.4 Heiliger Geist: Gott unter uns.

Ziele des Gruppenabends:
·       Die JE erfahren, dass der Mensch immer auch Geistwesen ist.
·       Sie spüren, wofür sie Feuer und Flamme sind.
·       Die JE erkennen, dass Gottes Geist liebender Geist ist.
·       Sie reflektieren, wie sie liebenden Geist im eigenen Alltag leben.

 

Theologische und methodische Impulse zu den Pflichtinhalten3
(zzgl. Anhang zur geschlechterspezifischen Firmvorbereitung)

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